„Ich bezahle Sie fürs Arbeiten und nicht fürs Masturbieren! Wollen sie Picasso werden oder eine denkende Top-Managerin?“

Und da stehe ich nun vor der kompletten Mannschaft – bloßgestellt. Meine schöne Präsentation ist nicht so angekommen, wie ich es erhofft hatte. Präsentation? Ich bin doch gar nicht erst zu Folie zwei gekommen und sprechen durfte ich sowieso nicht. Aber so ging es allen, die eine Schulung bei dem großen Meister gewonnen haben.

Dann setzte er sich zu mir und sagte ruhig: „Bitte verstehen Sie mich richtig. Ihre Arbeit ist sehr gut, aber eine Handskizze hätte genügt. Wir sind doch hier unter uns.“

Jetzt durfte ich nach Hause fahren. Für heute hatte ich genug gelernt. Ich bin sehr dankbar.

Diese Person hat meine Arbeitsweise in einem Wort zusammengefasst: Selbstbefriedigung!

Ja, Perfektionismus ist ein großer Teil meiner Persönlichkeit. Manchmal ist das gut, manchmal nicht. Aber wie finde ich die Balance?

Ich habe zu diesem sehr persönlichen Thema eine wunderbare Coachin gefunden – Katharina Siebauer.

In diesem Beitrag erfährst du

  • woher dein Perfektionismus kommt.
  • wie du hemmende Glaubenssätze ablegst.
  • dein Mindset auf Selbstoptimierung ausrichtest.
  • wie du als Perfektionist aufhörst dich zu stressen.
  • wie du als Chef den Perfektionisten ihre Versagungsängste nimmst.

Die Erkenntnis kommt durch Schlüsselerlebnisse

Hallo Katharina, Namensvetterin, was sagst du zu meiner Erfahrung? Ich denke, dass auch du etwas ähnliches erlebt hast, sonst hättest du dich mit diesem Thema nicht auseinandergesetzt. Magst du von deinem Schlüsselerlebnis als Perfektionistin erzählen?

Hallo Namensvetterin 😊 Ich hatte sogar 2 Schlüsselerlebnisse. Das erste hatte ich in meinem Angestelltenverhältnis. Ich verspürte einen ständigen Leistungsdruck. Ich wollte auf alles 100% vorbereitet sein. Bei Präsentationen alle möglichen Fragen beantworten können und operativ bloß keine Fehler machen.

Das Ergebnis: 12 Stunden Arbeitstage, Arbeit aufholen am Wochenende. Einloggen von Urlaub aus. Kaum erholsamer Schlaf. Aufstehen mit Herzrasen und Panik an dem Tag wieder nicht alles zu schaffen. Innerhalb eines Jahres hatte ich 3 Mandelentzündung, in jedem Urlaub war ich erstmal krank und letztendlich bin ich im Burnout gelandet. Obwohl ich mich danach habe coachen lassen und damals schon mit dem Thema Perfektionismus konfrontiert war, wurde mir erst 1 Jahr später bewusst, wie sehr der Perfektionismus mein Leben im Grifft hatte.

Während meiner Coaching Ausbildung sollten wir alle erzählen, was uns denn belastet. Ich sagte, dass ich Angst hätte den anderen nicht wirklich helfen zu können und Druck verspüre jedes Mal ein super Coaching hinlegen zu müssen, obwohl wir ja alle noch in der Ausbildung waren. Meine damalige Trainerin gab mir die „Herausforderung“ an dem Tag lediglich 40% zu geben. Was für eine Erleichterung! Und da wurde mir bewusst, wie sehr ich mich nicht nur beruflich, sondern auch in alltäglichen Dingen unter Druck setzte, immer auf 100% zu fahren.      

Perfektionismus tarnt sich als Leistungsdruck und Minderwertigkeitsgefühl

In meinem Umfeld geht es vielen Menschen so. Kennst du eine Statistik darüber, wie viele Menschen Perfektionisten sind?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich bin aber der Meinung, dass die Dunkelziffer sehr hoch liegt. Viele verspüren Leistungsdruck und kennen all diese Gefühle, wie zum Beispiel „nicht zu reichen“ oder „nicht gut genug zu sein“, aber sie würden sich nicht als Perfektionisten bezeichnen. Denn sie sind ja in ihren eigenen Augen alles andere als perfekt. Das ist die Ironie des Schicksals, wie man so schön sagt.       

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich muss mich jedes Mal dazu zwingen, all die unwichtigen Kleinigkeiten gut sein zu lassen. Nach ein paar Tagen erinnere ich mich nicht mehr an die unperfekten Details und bin mit mir zufrieden und sogar stolz auf das Geschaffte.

Perfektionismus kann lähmend oder aufputschend wirken 

Aber gehen wir noch mal einen Schritt zurück. Kannst du bitte kurz erzählen, was Perfektionismus ist?

Perfektionismus ist sehr vielschichtig. Viele denken, es gehe nur darum sich stundenlang damit zu beschäftigen, wie der Punkt auf dem I besser sitzt, ob man ihn lieber rot oder gelb macht. Doch das ist nur ein Aspekt. Perfektionisten haben extrem hohe Ansprüche an sich, aber auch teilweise an ihr Umfeld, denn sie Streben nach 100% und mehr. Viele Perfektionisten sind von einem radikalen Mindset betroffen, so ganz nach dem Motto: „Alles oder nichts“, „Ganz oder gar nicht“, „Wenn ich schon etwas mache, dann zu 100%“. Selbstzweifel und innere kritische Stimmen sind ihre ständigen Begleiter: „Ist das wirklich gut genug?“, „Reicht das wirklich aus?“. Begleitet wird Perfektionismus vom Imposter Syndrom: „Was, wenn auffällt, dass ich eigentlich gar nicht so gut bin, wie alle denken?“.

Vereinfacht dargestellt kann es bei Perfektionisten in zwei Richtungen gehen. Die einen erreichen sehr viel, nehmen aber ihre Erfolge gar nicht wahr, oder landen vor lauter Anstrengung im Burnout. Auf der anderen Seite, kann es sein, dass Perfektionisten ihre Ziele aber auch nicht erreichen, weil der Druck das absolut Beste abzuliefern sie oftmals sogar lähmt oder sie wichtige Schritte oder Entscheidungen aufschieben.

In der Essenz ist Perfektionismus eine Vermeidungsstrategie. Indem wir uns anstrengen und versuchen perfekt zu sein, wollen wir in Wirklichkeit Fehler vermeiden oder gar das Scheitern. Aber auch das Vermeiden von Ausgrenzung und Ablehnung spielt eine Rolle.  

Auch Scannerpersönlichkeiten können Perfektionisten sein

Mittlerweile empfinde ich meinen Perfektionismus als Segen. Ich stürze meinen ganzen Perfektionismus auf eine wesentliche und wichtige Sache. Auf den Rest gehe ich als Scanner ran und bin mit 80% zufrieden. Es war eine Erleuchtung als ich das für mich erlernt habe. Hast du schon mal von perfektionistischen Scannern gehört? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Ich finde, das macht sogar total Sinn. Ich erkenne auch viele Merkmale der Scannerpersönlichkeit in mir und beobachte das auch bei anderen. Ich erkläre mir das so. Zum einen fällt es uns schwer Hilfe anzunehmen, denn damit ist das Gefühl des Versagens verbunden. Daher lesen wir uns selbst in viele Themen ein und bringen uns möglichst viel selbst bei. Hinzu kommt noch bei einigen ein Mangel an Vertrauen. Wir vergewissern uns dann lieber selber noch, ob das wirklich stimmt, was uns jemand gesagt hat.

Wenn Perfektionisten ein neues Projekt angehen, beruflich oder privat, will es ordentlich geplant sein. Dazu gehört auch, sich mit allen Bereichen zumindest ein bisschen zu beschäftigen, um die Sache „richtig“ anzugehen, um das Projekt zum Erfolg zu machen.

Ja, wir scannen daher vielleicht einige Themen, aber machen damit immer noch mehr als „normale“ Menschen tun würden.

Ein Teufelskreis kann zu Burnout führen

Ist das nicht einfach nur deutsche Ordentlichkeit, Fleiß und Gründlichkeit? Ab wann wird Perfektionismus hinderlich oder sogar gefährlich?

„Ohne Fleiß kein Preis“. „Erst die Arbeit dann das Vergnügen“. Das sind wohl Sätze, mit denen wir alle aufgewachsen sind. In unserer Kultur wird Perfektionismus belohnt. Wir werden von klein auf daran gemessen Leistung zu erbringen. Und wenn diese nicht stimmt, dann bekommen wir Nachhilfe. Wir sollen unsere Schwächen ausbügeln. Unsere Stärken interessieren da nicht, denn die werden dann als selbstverständlich wahrgenommen.

Durch unsere kulturelle Prägung lernen wir unseren Wert an unserer Leistung zu messen. Und genau da lauert die Gefahr meiner Meinung nach. Wenn man sich nur noch durch seine Leistung definiert und sich Erfolgs- und Glücksgefühle daraus holt, ist die Gefahr groß in einem Teufelskreis zu landen, aus dem es nicht so leicht ist wieder rauszukommen. Ich habe dazu folgende Grafik erstellt.

Grafik von Katharina Siebauer

Kulturelle Prägung spielt eine wichtige Rolle

Du hast eine Beziehung zu Brasilien. Sehen die Menschen dort Perfektionismus anders? Ich frage mich einfach, ob es nicht nur eine Sache von Persönlichkeit, sondern auch von Kultur ist.

Spontan fällt mir da die buddhistische Geschichte über den mexikanischen Fischermann ein. Ein amerikanischer Geschäftsmann beobachtet, wie ein mexikanischer Fischermann bereits mittags sein Boot zurückbringt und Feierabend macht. Der Geschäftsmann fragt: „Aber Fischermann, wenn du weitermachst, dann kannst du doppelt so viele Fische verkaufen.“ Der Mann antwortet nur: „Was habe ich denn davon?“ Der Geschäftsmann antwortet: „Dann kannst du dir irgendwann ein zweites Boot kaufen und Angestellte haben und kannst den Nachmittag mit deiner Frau und den Kindern verbringen“. Da antwortet der Fischermann: „Aber genau das mache ich jetzt doch auch.“

Ich denke die Geschichte erklärt ganz gut den Unterschied der Kulturen.

Perfektionismus ist  eine Mischung aus Kultur und Prägungen der Kindheit. Wir haben uns ein bestimmtes Muster jahrelang antrainiert. 

Chefs von Perfektionisten müssen auf konstruktive Kritik achten

Ich hatte ein Problem mit meinem Perfektionismus als ich noch angestellt war. Ich konnte keine Balance finden. Es gab immer Kritik. Heute war es nicht gut genug und morgen war es schon wieder so, wie ich es oben beschrieben habe. Ich kann mir vorstellen, dass es für einen Chef auch nicht einfach ist das richtige Mittelmaß an Kritik zu finden. Hast du Tipps für einen Chef, wie Perfektionisten zu führen sind?

Perfektionisten nehmen Kritik oftmals nur negativ war, aber es ist wichtig zu unterscheiden, ob die Kritik negativ oder konstruktiv gemeint ist. Die meisten Menschen wollen dir mit Kritik und Feedback nichts Böses, im Gegenteil. Nur weil eine Sache verbesserungswürdig ist, heißt es ja nicht, dass sie schlecht ist.

In erster Linie ist es der eigene Umgang mit Kritik und weniger, was der Chef tun kann.

Weiß ich als Chef, dass ich mit einem Perfektionisten zu tun habe, kann ich darauf achten, die Kritik sehr konstruktiv zu halten. Und außerdem auf die positiven Dinge hinweisen. Denn Perfektionisten tun sich schwer damit die eigene Leistung anzuerkennen.

Des Weiteren würde ich auf Formulierungen achten:

  • „Was ist bis jetzt gut“
  • „Was ich mir noch wünschen würde“ anstatt, „Das gefällt mir nicht“.

Bei mir war es früher so, dass die Chefs zwar gesagt haben. „Geh doch mal früher nach Hause“ oder „Du hast doch Urlaub, warum bist du online?“, aber letztendlich haben sie genau das vorgelebt und somit erwecken sie den Eindruck als wäre es o.k. am Wochenende zu arbeiten, vom Urlaub aus oder regelmäßig Überstunden zu schieben. 

Perfektionisten als Führungspersonen möchte auch in der Beziehung zu ihren Angestellten perfekt sein

Es ist so unglaublich. Du beschreibst mit jedem Wort mein früheres Arbeitsleben. Ich habe gelebt für die Firma. Aber das hat auch mein Chef und die anderen Kollegen auch. Es war Firmenkultur. In meinem nächsten Unternehmen war es ganz anders. Einmal habe ich die Kritik bekommen, ich hätte zu hohe Qualitätsansprüche und wäre somit für eine Führungsposition ungeeignet. Stimmt das?

Ein ganz klares Nein. Wir haben alle Stärken und Schwächen. Wir dürfen doch alle lernen und wachsen.

Perfektionisten haben meist sehr gute analytische Fähigkeiten und sehen Probleme bevor sie entstehen. Das Team kann dann diese Hürden gleich in der Arbeit berücksichtigen. Das ist vielleicht nicht immer leicht, liefert aber auch gute Ergebnisse. 

Die viel wichtigeren Führungsqualitäten sind doch heutzutage Mitgefühl, Empathie und Nahbarkeit. Ein Perfektionist weiß das und wird versuchen auch hier das bestmögliche zu tun. Die Schwierigkeiten, die ich eher sehe, sind in der Abgrenzung und die Gefahr, dass Perfektionisten als Chefs selbst viel zu viele operative Aufgaben erledigen und sich Dinge zu sehr zu Herzen nehmen. Aber sich abzugrenzen ist Teil der Lernkurve einer Führungskraft. Niemand ist von Anfang an perfekt in dem, was er tut.

Es ist wichtig den Angestellten ihre Versagungsängste zu nehmen

Und welche Herausforderungen erwarten eine perfektionistische Führungsperson? Du hast selbst ein Team geführt. Wie war das für dich?

Meine Herausforderung als Führungskraft war eine ganz andere. Wie bringe ich Perfektionisten dazu die Balance zu halten? Denn sie setzen sich selbst enorm unter hohen Druck und leiden deshalb sehr unter Stress.

Es ist schon eine Herausforderung mit Perfektionisten zu arbeiten. Denn man darf nicht vergessen, dass dahinter Ängste stehen.

  • Die Angst zu versagen
  • Angst vor Fehlern
  • Die Angst vor Ablehnung

Diese Ängste müssen ernst genommen werden, deswegen bringt es bei den meisten Perfektionisten nichts, wenn man sagt: „Jetzt gehst du aber nach Hause“.

Ich würde daher Chefs empfehlen, den Mitarbeitern die Ängste abzunehmen. Ich habe immer gefragt: „Was passiert schlimmstenfalls?“ Natürlich hat man als Führungskraft mit dem eigenen Druck zu kämpfen und ist darauf angewiesen, dass das Team abliefert, aber mental gesunde Mitarbeiter und das Vertrauen in mich selbst und meine Mitarbeiter bringt immer das richtige Ergebnis. Das ist meine Erfahrung aus über 7 Jahre in einem extrem stressigen und schnelllebigen Firmenumfeld. Es ist wesentlich gefährlicher einen instabilen Mitarbeiter zu haben.    

Sag anstatt: „Jetzt gehst du aber nach Hause“, lieber: „Was passiert schlimmstenfalls?“

Das ist ein super Tipp an die Führungspersonen. Hast du noch einen Geheimtipp, den du allen Perfektionisten da draußen geben möchtest?

Einen Geheimtipp gibt es nicht. Perfektionismus ist ein Muster, das wir erlernt haben, aber wir können es auch wieder ent-lernen. Am besten, indem wir lernen unsere eigenen Grenzen besser wahrzunehmen und uns mit ganz viel Selbstliebe und Geduld entgegenkommen. So werden wir Schritt für Schritt unseren Perfektionismus ablegen.

Ich habe einen kostenlosen E-Mail-Kurs unter https://katharinasiebauer.de/in-5-schritten-raus-aus-der-perfektionismus-falle/ für alle, die anfangen wollen, sich damit zu beschäftigen.

Vielen Dank für deine tollen Tipps, Katharina.

So wird aus Selbstbefriedigung eine produktive Selbstoptimierung

  • Erinnere dich an Situationen, in denen dein Perfektionismus kontraproduktiv oder stressig war.
  • Frag dich: „Wieviel wäre schon gut genug gewesen?“
  • Frag dich „Was wäre Schlimmes passiert, wenn ich es bei „nur“ gut genug gelassen hätte?“
  • Setze dir bei neuen Aufgaben einen Meilenstein, bei dem deine Arbeit „gut genug“ oder „schon funktional“ ist.
  • Wenn du dann noch Zeit und Lust hast, arbeite die optionalen Details und Kleinigkeiten aus.
  • Lass deinen Perfektionismus nicht durch die Kritik eines perfektionistischen Umfelds aufheizen.

Mein persönlicher Geheimtipp: Sieh deine Arbeit mit den Augen deiner besten Freundin oder deines besten Freundes, wenn du an dir zweifelst. Wenn das, was du hast, deine Freundin erreicht hätte, wärst du nicht begeistert und super stolz auf sie?

Ich wünsche dir viel Erfolg mit diesen Tipps.

Auf deine Happy Business Moves!

Kat


Katharina Siebauer ist Coach für Perfektionisten. Ihr Podcast „Perfectly Imperfect“ handelt davon, wie das Streben nach Perfektion klangheimlich unser Leben sabotiert. Sie zeigt dir, wie du mit erprobten Strategien und Techniken der Perfektionismus-Falle entkommst und so wieder mehr Leichtigkeit und Spaß ins Leben lässt. Mehr Tipps teilt sie in ihrem kostenlosen Kurs „In 5 Schritten raus aus der Perfektionismus-Falle“ unter https://katharinasiebauer.de/in-5-schritten-raus-aus-der-perfektionismus-falle/


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