Als ich mein Diplom in Physik gemacht habe, hat man uns Physikern gesagt: „Ihr seid auf dem Arbeitsmarkt ‚most wanted‘“.

Ich habe es tatsächlich geglaubt. Denn ich wusste ja alles über Laser, Polymere, organische Komposite und ganz viel Nano-Zeugs. Aber was wusste ich über Bewerbungen?

Da hatte ich also ein super Abi, super Physik-Diplom und natürlich meine Kreativität als größtes Soft Skill in der Bewerbung stehen und war mir so sicher, dass sich die Unternehmen um mich reißen würden. Ich würde die Welt mit meinen innovativen Ideen revolutionieren so wie Steve Jobs!

Tja, …

Heute schmunzle ich über mich selbst.

Ich habe Silke Grotegut – die Expertin für Karriereberatung gefragt, wie eine perfekte Bewerbung aussehen muss, wenn man von seinem Innovationspotential überzeugen möchte.

Standardbewerbungen werden aussortiert

Silke, was muss ich allgemein beachten, wenn ich mich bewerbe, damit ich nicht sofort aussortiert werde?

Als Personalerin habe ich immer die Bewerbungen aussortiert, bei denen ich sofort gesehen habe, dass es Standardbewerbungen waren. Das heißt, wenn Bewerber*innen sich nicht die Mühe gemachte haben, eine Bewerbung für genau meine Stelle zu schreiben. Das kann ich beispielsweise daran erkennen, ob der Lebenslauf und das Anschreiben auf die Anforderungen aus der Ausschreibung eingehen und darauf abgestimmt ist. Wichtig ist auch, dass Bewerbungen knackig sind. Wenn jemand nicht in der Lage ist, seine Kompetenzen und Erfahrungen, die für mich als potentiellen Arbeitgeber interessant sind, auf den Punkt zu bringen. Dann landet die Bewerbung schnell im Papierkorb. Personaler und Führungskräfte können und wollen nicht aus einem Wust an Informationen die relevanten herauszusuchen müssen. Diesen Transfer müssen Bewerber*innen leisten.

Soft Skills gehören ans Ende der Bewerbung

Spielen Soft Skills überhaupt eine Rolle? Ich habe sie ganz ans Ende meines Lebenslaufs gesetzt. Ist das falsch?

Recruiter suchen zunächst nach Fachkompetenzen. Klar: wenn ich als Unternehmen Anlagen baue, dann brauche ich in erster Linie einen Ingenieur. Wenn die Fachkompetenz erfüllt ist, dann schaue ich auch weiter nach den gewünschten Soft Skills. Insofern sind die Soft Skills am Ende des Profils gut aufgehoben.

Ich erarbeite mit meinen Klienten, vor allem mit Geschäftsführern und Führungskräften ein Summary, der am Anfang des Lebenslaufes steht und in dem die wichtigsten Informationen zur Person zusammengefasst sind. Eine andere Möglichkeit ist ein informatives Deckblatt. Auch hier können Bewerber*innen direkt darauf aufmerksam machen, welche Kombination von Stärken, Kompetenzen du Erfahrungen sie mitbringen.

Unterlagen brauchen Wiedererkennungswert

Wie kommen Bewerber mit wissenschaftlich-technischem Hintergrund an? Was machen sie gut, was nicht? Gibt es Killerkriterien?

Menschen mit einem technischen und oder wissenschaftlichen Hintergrund sind häufig kreativ, aber selten in Sachen Design. Ihre Bewerbungen sehen häufig aus wie Steuerbescheide. Manche sind extrem kurz angebunden, da erfahre ich über ein paar Schlagworte hinaus, nichts von den Bewerbern. Andere wiederum sind sehr genau in der Darstellung ihrer Vita. Da werde ich als Leser erschlagen von den vielen Informationen. Es gilt das richtige Maß zu finden und vor allem den Fokus darauf zu legen, was für die angestrebte Position wichtig ist. Wenn ich beispielsweise mal Vertriebsaufgaben hatte, diese aber in der Position, auf die ich mich bewerbe überhaupt keine Rolle spielen, dann eher weglassen.

Zum Design: Das muss überhaupt nicht bunt und auffällig sein. Es kann auch ganz dezent, einfach nur eine farbige Line in der Fußzeile sein. Die Unterlage sollte einfach nur einen optischen Wiedererkennungswert haben.

Präsentiere dich als Frau so, wie du bist

Gilt das auch für Frauen mit wissenschaftlich-technischem Hintergrund wie mich? Worauf muss ich als Frau besonders achten?

Was die Unterlagen betrifft, haben Frauen über alle Jobs hinweg das gleiche Thema, wenn sie Mütter sind: Wohin mit den Kindern in den Bewerbungsunterlagen? Es gibt Studien, die das ganz klar belegen, dass Frauen, die in den Unterlagen angeben, dass sie Kinder haben, deutlich weniger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Bei Männern wirkt sich die Angabe von Kindern dagegen nicht auf die Einladungsquote aus. Die Sorge, vor allem von kleineren Unternehmen, vor einem kinderbedingten Ausfall der Frauen, ist immer noch hoch. Und leider hat man es ja auch in der Corona Krise gesehen: die Frauen sind am Ende tatsächlich diejenigen, an denen die Betreuung hängen bleibt.

Jetzt zu den Vorstellungsgesprächen. Die MINT Fächer gelten gesellschaftlich immer noch las Männerdomäne. Wenn ich mich als Frau in Männerdomänen begebe, habe ich immer zwei Herausforderungen: bin ich „zu sehr“ Frau, dann wird mir das rationale, strategische, konsequente nicht zugetraut. Gleiche ich mich vom Äußeren und / oder im Verhalten zu sehr ans männliche an, dann bin ich nicht Frau genug. Beides veranlasst Männer, sich eher für Männer zu entscheiden. Das passiert nicht bewusst, sondern greifen tiefe archetypische Denkmuster.

Tipp an der Stelle: Gehen Sie als Frau so ins Gespräch, wie Sie sind. Ob Sie mit Ihrer Art ankommen, wird auf der anderen Seite des Tisches entschieden. Und da Sie die bewussten und unbewussten Beurteilungskriterien des potentiellen Arbeitgebers nicht kennen, macht es auch keinen Sinn sich als eine andere zu präsentieren, die sie nicht sind.

Die Stärke eines Nerds ist die Tiefe seines Wissens

Das Wort ‚Nerd‘ hat seit der Serie „Big Bang Theory“ ein Gesicht. Es ist ein importiertes Wort aus dem Englischen für die deutschen Wörter „Sonderling“ und „Fachidiot“. Es bezeichnet einen „an Spezialinteressen hängende Menschen mit sozialen Defiziten“ (Wikipedia) und ist negativ besetzt. Ich kenne einen sehr liebenswerten und kompetenten Programmierer, der wegen seiner Art Kundenverbot hat. Sind solche Menschen die zweite Wahl bei Interviews trotz fachlicher Kompetenz und technischer Kreativität? Kannst du ihnen ein paar Tipps geben?

Personaler und Führungskräfte machen die Anforderungen an einen Mitarbeiter an den Aufgaben fest. Wenn ich jemanden für den Vertrieb suche, brauche ich einen kontaktfreudigen, spontanen Menschen. Wenn ich jemanden für die Konstruktion einer Chemieanlage suche, dann will ich in erster Linie jemand, der sicherstellt, dass das Ding am Ende zuverlässig, sicher und genau läuft. Das Problem ist: auch sie müssen im Vorstellungsgespräch überzeugen.

Tipp mit Beispiel: Aus der Not eine Tugend machen und es offen benennen. In der Selbstpräsentation kann ich schon damit anfangen. Zum Beispiel „Schon in der Schule habe ich gemerkt, dass ich mehr Spaß daran habe, mich tief in naturwissenschaftliche Probleme hineinzudenken. Daher habe ich Physik studiert und dort auch promoviert. Auch heute sehe ich meine Stärke viel mehr darin, komplexe Produktionsverfahren zu berechnen, als in der Kundenbetreuung. Ich bin eher der stillere Typ. Ich bringe mich aktiver und deutliche lieber in Fachdiskussionen ein, als etwas nach außen zu repräsentieren.“ So können Bewerber*innen ihre Stärke nach vorne stellen und die damit verbundene vermeintliche Schwäche wird verständlich.

Möchtegern-Experten werden in den Probearbeitstagen entlarvt

Steve Jobs war ein Visionär. Ich persönlich mag Visionäre. Sie bringen Unternehmen und uns als Menschheit weiter. Leider habe ich erlebt, dass Abteilungsleiter und Personaler, die nach Visionären suchen, sich durch Träumer, Labertaschen und Besserwisser mit grenzenloser Fantasie täuschen lassen. Diese Fake-Visionäre innovieren schließlich ein riesiges Loch in die Tasche der Firma. Was ist deine Erfahrung? Hast du einen Tipp für Chefs und Personaler, wie sie einen Möchtegern-Experten entlarven können?

Kein Unternehmen ist vor Fehlentscheidungen bei der Personalauswahl gefeit. Aber man kann das Risiko deutlich reduzieren. Eine Möglichkeit sind Business-Cases, also Aufgaben die der Bewerber in einer vorgegebenen Zeit lösen und vorstellen muss. Es kommt dabei nicht auf Perfektion an. Wichtig ist, dass ich als Unternehmen einen Eindruck von der Herangehensweise eines potentiellen Mitarbeiters bekomme. Manche Unternehmen laden Bewerber auch zu Probearbeitstagen ein. Die Idee dahinter ist, dass beide Parteien, unternehmen und Bewerber, ein genaueres Bild voneinander bekommen und am Ende eine fundiertere Entscheidung treffen können.

Nenne Beispiele für deine Kreativität

Und wenn ich ein kreatives, aber introvertiertes Genie bin und mich gegen fantasierende Möchtegern-Experten behaupten muss? Sollte ich eher ruhig oder doch energisch im Vorstellungsgespräch auftreten, wenn ich zu den Kreativ-innovativen gehöre?

Mich so zu geben, wie ich nicht bin, kostet unglaublich viel Kraft und lässt sich nicht über lange Zeit durchhalten, vor allem nicht, wenn ich im Aufmerksamkeitsfokus anderer Menschen stehe. Für die Dauer eines Vorstellungsgespräches kann ich mich vielleicht noch verstellen. In einem Assessment-Center hält das keiner durch. Ich rate davon ab, mich anders zu geben, als ich bin. Im Worst Case bekomme ich dann einen Job, der etwas anderes von mir erwartet, als ich liefern kann. Das setzt mich unter Dauer-Stress. Wenn ich introvertiert, kreativ und innovativ bin, dann würde ich das als meine persönliche Kombination von Kernkompetenzen herausstellen. Personaler und Führungskräfte sind auf beobachtbares Verhalten getrimmt. Wir wollen immer wissen: woran kann ich das erkennen, dass du innovativ und kreativ bist? Wenn ich gute Beispiele habe, anhand derer ich das belegen kann, ist das perfekt.

Ein Nerd kann nicht vorgeben Steve Jobs zu sein und umgekehrt

Hast du schon mal erlebt, dass ein Kandidat sich für den nächsten Steve Jobs gehalten hat, aber in Wirklichkeit nur ein größenwahnsinniger Nerd war? Was hat ihn verraten?

Ich habe es schon häufiger erlebt, dass sich Bewerber für etwas anderes ausgegeben haben, als sie waren. Grundsätzlich ist es ja ok, sich in einem helleren Licht darzustellen, aber Bewerber tun sich selbst keinen Gefallen, wenn sie sich als etwas darstellen, was sie nicht sind.

Woran ich das erkenne? Es ist ein unstimmiges Gesamtbild, was der Bewerber vermittelt. Ich hatte mal einen Bewerber, der war Programmierer und hatte sich im Bereich Business Development beworben. Er stellt sich als innovativ und visionär dar. Er programmierte aber immer noch in einer Sprache, die damals schon kaum noch genutzt wurde. Von neuen Programmiersprachen hatte er nur gehört, sich aber noch nie damit beschäftigt. Seine letzte Weiterbildung lag 15 Jahre zurück. Das alles entspricht nicht dem Wesen eines innovativen, visionären Menschen. Wer innovativ ist, hat Spaß an Neuerungen, der lechzt danach, sich mit neuen Trends zu beschäftigen. Wer innovativ ist, hat an sich selbst den Anspruch nicht in einer aussterbenden Sprache zu programmieren, der will vorne mit dabei sein. Der ist in Gruppen, Verbänden, in denen er oder sie mit solchen Informationen gefüttert wird.

Ich kann mir vorstellen, dass man schon an der Ausschreibung sehen kann, ob ein Fachspezialist oder ein Visionär gesucht wird. Gibt es Signalwörter oder Formulierungen, die es deutlich machen?

Natürlich sollte aus der Ausschreibung hervorgehen, was für einen Mitarbeiter ich suche. Aus den Aufgaben und dem Profil kann man das normalerweise gut ablesen, ob es sich eher um operative Aufgaben oder um strategische Aufgaben handelt. Meinen Klienten, die sich im visionären, strategischen Bereich bewerben, rate ich aber im Vorstellungsgespräch genau abzuprüfen, wie groß die Gestaltungsfreiheit in der ausgeschriebenen Position tatsächlich ist und ob die Unternehmenskultur einen Visionär auch tatsächlich verträgt. Denn nichts ist für einen Visionär schlimmer, als später in engen Prozessen operative Aufgaben abzuarbeiten. Meine Erfahrung ist, dass manche Ausschreibung da manchmal zu viel verspricht, als die Position später halten kann.

Hast du noch einen letzten Tipp für einen Nerd und einen nächsten Steve Jobs bezüglich Bewerbung?

Für mich steht nicht der eine über dem anderen. Visionäre brauchen Menschen, die ihre Ideen in die Tat umsetzen. Fachleute brauchen Menschen, die ihre Ideen weiterspinnen und die Möglichkeiten darin sehen.

Tipp: Wenn du Nerd bist, dann versuch nicht Steve Jobs zu sein, wenn du Steve Jobs bist, versuche dich nicht als Fachexperte auszugeben. Such dir ein Umfeld, dass zu dir passt, wo du als Person geschätzt wirst und in dem du deine Kompetenzen einsetzen kannst.

Vielen Dank für deine tollen Tipps, Silke!


So überzeugst du mit deiner Bewerbung

  • Gehe in deinem Lebenslauf und im Anschreiben auf die Anforderungen aus der Ausschreibung ein.
  • Bringe deine Kompetenzen und Erfahrungen auf den Punkt.
  • Schreibe die wichtigsten Informationen über dich in einer Zusammenfassung am Anfang des Lebenslaufen oder in einem dekorativen Deckblatt.
  • Soft Skills gehören ans Ende der Bewerbung.
  • Deine Unterlagen sollten einen optischen Wiedererkennungswert haben.
  • Bleib dir treu und achte auf ein stimmiges Gesamtbild.
  • Benenne deine Stärken.
  • Bringe Beispiele für deine Kreativität und Innovationsfähigkeit.
  • Prüfe im Vorstellungsgespräch wie groß der Gestaltungsraum wirklich ist.

TIPP: Such dir ein Umfeld, dass zu dir passt, wo du als Person geschätzt wirst und in dem du deine Kompetenzen einsetzen kannst.

Ich wünsche dir viel Erfolg mit diesen Tipps.

Auf deine Happy Business Moves!

Kat


Silke Grotegut ist Karriere- und Bewerbungscoach. Bevor sie sich 2015 selbständig machte, hat sie viele Jahre als Personalerin in einem DAX-Konzern gearbeitet. Heute unterstützt sie Führungskräfte den passenden Job zu finden, in Unterlagen und Vorstellungsgesprächen zu überzeugen und ein gutes Gehalt zu verhandeln.

Mehr über Silke gibt es unter www.silkegrotegut.de

Foto: Marlene Mondorf


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