„Coaching zu „technischer Kreativität“ bekommst du nicht verkauft. Was soll das überhaupt sein? Vielleicht nennst du es besser „Kreativität für Unkreative“ oder so.“

Meine Kinnlade knallte auf den Tisch und zwar nicht zum ersten Mal.

„Ein Widerspruch in sich“, „unverständlich und viel zu abstrakt“, „Kreativität für Nüchterndenker“, „darunter kann man sich nichts vorstellen“ hör ich immer wieder, und das von Leuten, die auf ihrem Smartphone im Internet shoppen. Nicht zu fassen! 

Aber Emotionen bei Seite. Ich habe (für mich unerwartet) so viel Gegenwind für mein Coaching-Thema „technische Kreativität“ bekommen, dass ich dem ernsthaft auf den Grund gehen musste.

Google weiß alles

Ich habe also angefangen zu googeln und siehe da: ganze DREI (3) relevante Einträge gefunden:

„Kreativität beschränkt sich keinesfalls auf bunte Bastelstunden oder Trommeltöpfern in der Toskana. Im Kern bedeutet Kreativität die Fähigkeit, Lösungen zu finden. Neben der künstlerischen gibt es auch die technische Kreativität. Konzentriert man sich auf die technische Kreativität, dann ist sie die Ressource, mit der Ingenieure ihre täglichen Herausforderungen lösen. Der von Ingenieuren oft geäußerte Einwand, man sei nicht kreativ, kann deshalb so nicht stehen bleiben. Es ist wichtig, diese Kreativität zu motivieren. Es hemmt Innovation, wenn altbekannte, konservative Wege stets die erste Wahl sind.“

Und was sagen andere Suchmaschinen?

Und was sagt Wikipedia dazu?

Nichts – kein Beitrag. 

Aber zu Wikipedias Verteidigung muss ich sagen, dass unter dem Begriff „Kreativität“ folgender Satz steht:

„Falsch ist jedoch die verbreitete Vorstellung, dass Kreativität nur mit Berufen oder Tätigkeiten aus den Bereichen der bildenden Kunst und der darstellenden Kunst verbunden sei (art bias).“

Danke! (Oh man, wenn meine Professoren wüssten, dass ich Wikipedia zitiere.)

Deshalb ist hier die wissenschaftliche Untersuchung zu „Art bias“ (deutsch: Kunst-Verzerrung):

Der Kreativitätsforscher Vlad Glăveanu hat 2014 in der Studie „Revisiting the “Art Bias” in Lay Conceptions of Creativity“ festgestellt, dass prototypisch kreative Jobs wie Musiker und Schriftsteller am höchsten bewertet wurden, wenn es um Kreativität ging. Im Gegensatz dazu hatten Jobs wie Chemiker oder Anwalt eine geringere Bewertung der Kreativität. 

Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass Menschen Kreativität leichter mit künstlerischen Berufen verbinden.

Na das erklärt ja einiges!

Wie bin ich überhaupt auf diese Bezeichnung gekommen? Sie scheint mir so natürlich zu sein, dass ich lange nachdenken musste, um mich zu erinnern: Ich habe sie bei meinen Recherchen über Kreativität in der russischen Literatur gefunden und sofort verinnerlicht.

„Technische Kreativität“ ist in Russland und den USA gut bekannt

im Gegensatz zu Deutschland. Das sieht man an den Suchanfragen über Ubersuggest. So oft wird in Deutschland, den USA und Russland im Monat nach dem folgenden Keyword gesucht (Stand Januar 2021):

Die Bezeichnung „technische Kreativität“, die ich aus dem russischsprachigen Netz gefischt habe, ist in Deutschland tatsächlich nicht gebräuchlich.

Na, wenn ich da nicht mein Alleinstellungsmerkmal gefunden habe!

Aber was bringt es mir, wenn keiner danach sucht? Ich habe meine ganz eigene Strategie dafür entwickelt, wie ich diese Form der Kreativität bekannt mache, aber dazu ein anderes mal.

Definition

Technische Kreativität ist die Fähigkeit neue und nützliche Ideen zu generieren und zu erkennen, die Probleme lösen und innovative Technologien, Verfahren und Produkte hervorbringen.

Darunter fallen Entwicklungen, die unser Leben sicherer und komfortabler machen:

  • Airbags
  • Herzschrittmacher
  • Laser
  • Mikrochips
  • Internet

Merkmale der technischen Kreativität

Technische Kreativität hat mehr mit Wissen als mit Geschmack zu tun

Hier liegt ein großer Unterschied zu künstlerischer Kreativität vor, die von starker Individualität profitiert. Design und technische Kreativität schließen sich aber nicht aus. Oft ist das angestrebte Industriedesign der Keim für eine technische Verbesserung oder Weiterentwicklung.

Beispiele dafür sind:

  • Abgerundete Ecken der Produktfamilie Samsung Galaxy Edge war eine große Herausforderung an das Biegen von dünnem Displayglas.
  • Ultra-Thin Mac Book von Apple verdanken wir extrem kleinen Elektrokomponenten.    

Hast du schon mal beobachtet, dass aus künstlerisch kreativen Teenies nach ein paar Jahren im Job technisch kreative Erfinder werden? Das liegt daran, dass technische Kreativität erst dann in Erscheinung tritt, wenn wir Naturgesetze verstehen und sie für uns zu nutzen gelernt haben. Die Kreativität hat einfach ein anderes Ventil gefunden. Steve Jobs, z. B., hat zu seiner Collegezeit Kalligraphie-Kurse belegt.

Naturgesetze, Normen und Qualitätsstandards fordern technische Kreativität heraus

Wenn alles möglich wäre, bräuchten wir nicht kreativ zu werden. Deshalb braucht jede Kreativität Grenzen. Die Grenzen der technischen Kreativität gibt primär die Natur und sekundär die Produkt-/Prozessspezifikation vor. Diese beinhalten Normen und Qualitätsstandards.

Das große Touchdisplay des Teslas Model X musste von den Spezifikationen der Unterhaltungselektronik an die strengen Normen der Automobilindustrie angepasst werden.

Technische Kreativität ist problemlösend und schöpferisch

Eigentlich gibt es nicht unterschiedliche Formen der Kreativität, sondern unterschiedliche Arten von Problemen. Ich möchte hier die zwei größten Kategorien nennen:

Problem mit einer einzigen Lösung

  • Wie erreiche ich die bestmögliche Rechenzeit meiner Software?
  • Mit welcher Laserleistung strukturiere ich eine Oberfläche ohne sie zu beschädigen?
  • Welches Lösungsmittel löst meinen Farbstoff am besten?

Das bezeichnet man als konvergentes Denken. Dabei ist die Kreativität auf das Problem fokussiert.

Problem mit vielen möglichen Lösungen

  • Wofür kann ich einen kaputten Kugelschreiber benutzen?
  • In welchen Geräten kann meine neu entwickelte Technologie noch zum Einsatz kommen?
  • Für welche Anwendung kann mein Produkt leicht umfunktioniert werden? (Kreative Ideen dazu findet man manchmal in Kommentaren unter YouTube-Videos.)

Das bezeichnet man als divergentes Denken. Dabei sucht die schöpferische Kreativität nach so vielen Ideen wie möglich.

Technische Kreativität beherrscht sowohl konvergentes als auch divergentes Denken und kann mit unterschiedlichen Kreativitätsmethoden geübt werden.

Geistesblitze und systematisches Vorgehen schließen sich nicht aus

Sowie in Kunst und Musik, können technische Problemlösungen ganz unerwartet in Form eines Geistesblitzes aus dem nichts kommen. Das ist auf das Denkverhalten unseres Gehirns zurückzuführen und nicht auf die Art der kreativen Tätigkeit. 

Geistesblitze stehen nicht im Widerspruch zu der analytischen Ideenfindung, die auf langen Beobachtungen und Messreihen basiert. Sie sind aber eher die Ausnahme während analytische Lösungen die Regel sind.  

Technische Kreativität liebt interdisziplinäres Denken

„Out of the box“-Denken ist der kleine Bruder von „out of the bubble“-Denken.

Je unerwarteter die Verknüpfung zwischen den Sachverhalten, desto origineller ist eine Idee und desto größer ist ihr Innovationspotenzial. Deshalb sind interdisziplinäre Erfindungen bahnbrechend. Ich zeige das an Hand der Musik-Branche:

  • Musik + Kunststoff = Vinylschallplatte
  • Musik + Magnetismus = Kassette, Walkman
  • Musik + Elektrizität = E-Drums, Keyboard, E-Gitarre und E-Bass
  • Musik + Laser = CD, Discman
  • Musik + Mikrochip = mp3-Player
  • Musik + Internet = ITunes, …

Patente schützen das geistige Eigentum von technisch Kreativen

Im Gegensatz zu Schriftstellern und Fotografen haben Erfinder kein automatisches Urheberrecht. Sie können es aber gegen eine Gebühr für ihre Erfindung beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) unter www.dpma.de beantragen.

Eine patentierbare Erfindung ist

  • neu
  • innovativ und fortschrittlich
  • herstellbar und anwendbar

Der Patentschutz gilt nicht nur für Sachpatente, sondern auch für Herstellverfahren. Oft gehören diese Methoden zum Knowhow der Firma und sind im Endprodukt nicht sichtbar. Deshalb werden sie nicht geschützt, um der Konkurrenz keine Nachbauanleitung zu geben.

Wissenschaftliche Entdeckungen, wie Formeln der Naturgesetze, sind nicht patentierbar.

Technisch Kreative sind Optimisten

Technisch Kreative sind Optimisten, die sich gern auf große Herausforderungen stürzen, weil sie an ihre Idee und an das Gute, dass sie mit sich bringt, glauben. Dabei bedeutet optimistisch zu kreieren nicht, die Augen vor den ersten Fehlern und Misserfolgen zu verschließen, sondern aus ihnen zu lernen und trotz entmutigender Fehlversuche stets für das kleinste Fünkchen neuen Wissens dankbar zu sein.

Große Innovationen sind das Aneinanderreihen kleiner optimistisch-kreativer Schritte.  

Technische Kreativität kann wie ein Muskel aufgebaut werden

Kreativität ist eine Sichtweise, eine Lebenseinstellung und ein sehr langer Marathon. Für diesen Marathon kannst du üben mit Kreativitätsmethoden, Checklisten, Selbsttests und Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Ich möchte dir vollständigkeitshalber ein paar Kreativitätstechniken aufzählen:

  • SCAMPER
  • Mind mapping
  • Brain writing
  • Reframing
  • Zooming

Frage dich zuerst: Finde ich meine Problemlösung mit konvergentem oder divergentem Denken? Das hilft dir die richtige Methode zu wählen.

Technische Kreativität findet sich in vielen Berufen und Studienfächern wieder

Dazu gehören Mechatroniker, Elektriker, IT-Spezialisten, Physiker, Chemiker, Bauingenieure, …

Danke für den Gegenwind, aber ich werde mein Coaching-Thema nicht „Kreativität für Unkreative“ nennen. Ich bin motivierter denn je das Thema „technische Kreativität“ zu nennen und auch ein bisschen stolz zu diesen Menschen dazuzugehören.

Auf deine Happy Business Moves!

Kat  

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Sie können diese HTML -Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>